Spieltheorie

Spieltheorie

Spieltheorie wird seit fast 100 Jahren angewendet, um Strategien in wechselseitig abhängigen Entscheidungssituationen interagierender Wettbewerber zu analysieren: eigene Entscheidungen beeinflussen die Entscheidungen des Gegners – und umgekehrt. Kern der Spieltheorie ist die Frage, ob und wie optimale Entscheidungen gefunden werden – für Manager insbesondere im Durchspielen tatsächlicher Wettbewerbssituationen und zur Entwicklung strategischer Optionen. Spieltheoretiker haben bereits einige Nobelpreise für Wirtschaftswissenschaften gewonnen – aber es ist weit mehr als eine Theorie: zahlreiche Unternehmen nutzen Spieltheorie, um in wesentlichen strategischen Fragestellungen Wettbewerbsvorteile auszuspielen.

Der Begriff „Spiel“ darf hierbei nicht zu eng interpretiert werden. Spieltheorie liefert in vielen Situationen klare Handlungsanweisungen und Ergebnisse – aber: um diese Ergebnisse zu erhalten, sind einerseits spieltheoretische Kenntnisse erforderlich, zum anderen müssen alle Spieler Informationen über die Struktur des Spiels, mögliche Strategien der Wettbewerber und die Dauer und Form der Spielsituation besitzen. Die Frage ist daher: wie realistisch sind die Vorhersagen der Spieltheorie? Genau hier setzen spieltheoretische Experimente an.

Spieltheoretische Experimente

Ziel wirtschaftswissenschaftlicher Experimente ist immer, das Entscheidungsverhalten von Menschen besser zu verstehen. In spieltheoretischen Experimenten wird versucht herauszufinden, ob überhaupt, wie schnell und robust die theoretisch bestmöglichen Lösungen zustande kommen. In diesen Experimenten wird – entweder als Laborsituationen oder in Feldversuchen – das Entscheidungsverhalten und Interaktion von Menschen direkt beobachtet und analysiert. Damit kann eine einfache Prüfung der Konsistenz von Entscheidungen und Handlungen sowie der Ausschluss alternativer Erklärungen erfolgen: so können häufig Erklärungen gefunden werden, die in abstrakten Daten (GuV, Bilanz, etc.) nicht erkennbar oder nicht einzelnen Entscheidungen zuzuordnen sind.

Allerdings rufen Laborsituation oft bestimmte Verhaltensweisen hervor und unterdrücken andere: es gibt deutliche Hinweise darauf, dass Teilnehmer sich den Erwartungen des Forschers oder gemäß des Experiments verhalten wollen, zudem sind typischerweise Studenten Teilnehmer der Experimente – und damit nicht repräsentativ. Aber: (seltene) Tests mit Managern bestätigen typische Ergebnisse der Experimente und bieten so auch hier zahlreiche Hinweise auf begrenzt rationales Entscheiden von Menschen – und viele Ansatzpunkte, um Entscheidungsverhalten zu verbessern.

Die Experimente selbst haben dabei zwei Stoßrichtungen: Lehre und Forschung. In der Lehre steht im Vordergrund, Studenten oder Teilnehmern von Workshops eigene Entscheidungsmuster in Wettbewerbssituationen vor Augen zu führen – oftmals dominiert statt analytischem Vorgehen und strategischer Logik schließlich der Wunsch nach Revanche und Genugtuung oder der feste Glaube an eine Strategie. In der Forschung liegt der Fokus darauf, auf Basis von beobachtetem Entscheidungsverhalten Einsichten in den Bereich „behavioral strategy und das Erkennen und Lernen von strategischen Entwicklungen zu gewinnen.

Entscheidungen lassen sich empirisch meist nur indirekt – etwa über die Analyse getroffener Kaufentscheidungen oder umgesetzten Unternehmensstrategien – beobachten. Unabhängig davon erscheint die regelmäßig in betriebswirtschaftlicher und ökonomischer Analyse vorausgesetzte Rationalität häufig nur eingeschränkt zu gelten.
In den vergangenen Jahrzehnten wurden verstärkt Experimente durchgeführt, um individuelles Entscheidungsverhalten, dessen Einflussfaktoren und entstehende dynamische Interaktion zu untersuchen.

Um die Robustheit der abgeleiteten Aussagen sicherzustellen erweisen sich aktuell standardisierte, computer- und simulationsgestützte Laborexperimente als wegweisend für die weitere Forschung. Sie bieten stabile Rahmenbedingungen hinsichtlich einer effizienten Echtzeitabbildung komplexer Entscheidungssituationen und dem auszuwertenden Datenumfang.

Wirtschaftswissenschaftliche Entscheidungsexperimente haben eine lange Tradition: schon lange versuchen Wissenschaftler menschliches Verhalten in ökonomischen Entscheidungssituationen besser zu verstehen. Die Anwendungsfelder erstrecken sich dabei über alle Bereiche der Mikroökonomie – bspw. zu Wettbewerb im Oligopol oder Auktionen – bis hin zu makroökonomischen und wirtschaftspolitischen Fragestellungen, bspw. zur Frage ob „nudging“ (ein kleines „Schubsen“ in eine Richtung) die Wirksamkeit wirtschaftspolitischer Instrumente erhöhen kann.

Im Rahmen mikroökonomischer Experimente stehen Wettbewerbssituationen im Blickpunkt: so treffen – orientiert an unterschiedlichen Wettbewerbsparametern wie Preisen, Mengen oder Investitionen – Spieler in der Rolle von Managern in einmaligen oder wiederholten Situationen ihre Entscheidungen und zentrales Interesse gilt den entstehenden Gewinnen und der Entwicklung der Marktstruktur.

In solch strategischen Spielsituationen lassen sich folgende Spieltypen unterscheiden:

  • Cournot-Spiele: Spieler entscheiden über ihre einmalige oder dauerhafte Produktionskapazität und Angebotsmenge – Preise und Gewinne werden im Wettbewerb über die Nachfrage ermittelt.
  • Bertrand-Spiele: Spieler entscheiden über ihre einmaligen oder dauerhaften Preise oder Preisstrategien – hier werden Marktanteile und Gewinne im Wettbewerb über die Nachfrageseite ermittelt.
  • Kreps/Scheinkman-Spiele: hier wird in zweistufigen Spielen zunächst über die Produktionskapazität, dann über Preise entschieden.

Innerhalb aller Spieltypen wird zudem oft variiert: so können simultane und sequentielle Entscheidungen untersucht werden. Die Rolle und die Symmetrie bzw. Asymmetrie der Information über die einzelnen Spieler und deren Situation kann geprüft werden und es kann analysiert werden, ob und in welcher Weise Kommunikation zwischen den Spielern die Gewinne und die Marktstruktur verändert – dies ist bspw. bei wettbewerbspolitischen Untersuchungen und der Aufdeckung verbotener Absprachen oder Kartelle von zentraler Bedeutung.